Verein Sternwarte Trier e.V.

Trierischer Volksfreund vom 20.6.2017

Ein Blick in die Vergangenheit

Abenteuer Archäologie: Was der Sternenhimmel unseren Vorfahren bedeutete und wie wir heute etwas daraus lernen können.

Es wird Nacht. Auf den Feldern und Wiesen √ľber Trier h√§lt sich hartn√§ckig ein letzter Rest Tageslicht, vermischt mit dem elektrischen Leuchten der nahen Stadt, das wie ein Dunst in der Atmosph√§re wabert. Lichtverschmutzung nennen Astronomen diese n√§chtliche Aufhellung durch moderne Lichtquellen, sagt Roland Weber und biegt von dem Feldweg ab auf einen Trampelpfad durch die Wiese. Der Hobby-Astronom ist auf dem Weg zur Sternwarte in Trier-Irsch, seit 12 Jahren ist er im Sternwarte-Verein t√§tig.
Vor dem √ľberraschend kleinen Geb√§ude mit der typischen Kuppel warten bereits andere Mitglieder seines Vereins, die ein Ph√§nomen am Himmel beobachten und dokumentieren wollen: Der Komet Apophis, benannt nach dem alt√§gyptischen Gott der Finsternis und des Chaos, ist heute gut sichtbar, so gut, dass sie ihn fotografieren wollen, sagt Markus Weber, Ger√§tewart des Vereins.
2029 soll Apophis der Erde gefährlich nahe kommen. Vielleicht zu nahe. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:300, laut einem Nasa-Bericht könnte der Komet in die Erde einschlagen. Keine bedrohliche Situation, aber eine, die von den Wissenschaftlern als beobachtenswert eingestuft wird. Genau das denken sich auch Markus Weber und die anderen Mitglieder des Vereins.
Seit Anbeginn der Menschheit schauen Menschen in den nächtlichen Himmel, nicht umsonst hat die Bedeutung der Planeten und Sternbilder in kulturelle Bereiche wie Religion, Wissenschaft und auch die Kunst Einzug gehalten. Oftmals seien gerade naturwissenschaftliche Beobachtungen des Firmaments nur deshalb gemacht worden, um eine religiöse Praxis oder aus heutiger Sicht einen esoterischen Zweck zu verfolgen, weiß Roland Weber. Der 66-jährige pensionierte Eisenbahner hat in einem kleinen Häuschen neben der eigentlichen Sternwarte seinen Laptop aufgebaut und ist dabei, eine Powerpoint Präsentation zu starten, in der er einige seiner Beobachtungen zusammengetragen hat.
Denn Weber hat neben der Astronomie noch ein weiteres Hobby f√ľr sich entdeckt: die Arch√§oastronomie. In dieser geht es um arch√§ologische Funde, die R√ľckschl√ľsse auf astronomische Kenntnisse bei antiken V√∂lkern zulassen. Von vielen altert√ľmlichen Kulturen wei√ü man, dass sie enorm viel √ľber astronomische Vorg√§nge und Erscheinungen wussten, dass sie Sternbewegungen berechnen konnten, mit Hilfe des Nachthimmels √ľber Ozeane navigierten und bis heute g√ľltige Kalender entwickelt haben.
Auch in Trier hat Weber schon einige Funde gemacht, die R√ľckschl√ľsse darauf zulassen, wie bedeutsam der Blick in den Himmel in fr√ľheren Zeiten war: So findet sich beispielsweise auf der R√ľckseite der Igeler S√§ule ein Bildnis, auf dem ein Streitwagen mit vier Pferden zu sehen ist, dazu die Darstellung eines L√∂wen und einer Jungfrau, der damals schon bekannten Sternbilder und Vorlagen f√ľr astrologische Zukunftsdeutungen.
Ein L√∂wenabbild befindet sich auch in einem Mosaik im Rheinischen Landesmuseum Trier, es ist Teil des Monnus-Mosaiks, auf dem zwei griechische Astronomen abgebildet sind, einmal Aratos von Soloi und einmal der Grieche Hesiod. Beide haben B√ľcher geschrieben, die Wetterverh√§ltnisse und Arbeiten in der Landwirtschaft in Verbindung mit Himmelsbeobachtungen und den Sternbildern bringen.
Auch moderne kunstgeschichtliche Zeugnisse lehnen sich an die Tradition an, so Weber. Wie etwa die Sonnenuhr vorm Geb√§ude der ADD oder auch die R√ľckwand der Heiligrockkapelle im Dom. Diese sei so mit Steinen besetzt, dass man darin die Sternbilder zur Zeit der Wiederer√∂ffnung der Kapelle ablesen k√∂nne, es war Mai 1974.
Alles gut dokumentierte und erforschte Beispiele, wei√ü Weber, √ľber die Geschichte, Kultur und das Wissen der Babylonier, der √Ągypter bis hin zu den Griechen und R√∂mern sei vieles bekannt. Gerade in Trier, wo Leben und Wirken der R√∂mer sogar noch deutlich zu sehen sind, erscheinen einem die antiken Feldherren und togatragenden Gelehrten oft n√§her als das Volk, das schon lange vor den R√∂mern in den W√§ldern und auf den Wiesen rund um das Trierer Land gelebt hat. Gemeint sind die Kelten, die hier sogar einen eigenen Namen trugen: die Treverer.
Man wisse nicht viel √ľber die Kelten, sagt Burkard Steinr√ľcken. Der 52-j√§hrige Physiker ist Leiter der Sternwarte und des Planetariums in Recklinghausen und seit 2012 Vorstandsmitglied der Gesellschaft f√ľr Arch√§oastronomie. Eigentlich k√∂nne man sich den Kelten, ihrer Kultur, ihrem Glauben und ihrem Wissen nur vage ann√§hern, ohne in starke Interpretationen zu verfallen. Denn die Kelten waren ein Volk weitgehend ohne Schriftzeugnisse, sie hinterlie√üen der Nachwelt keine eigenen Papyrusrollen, Wandgravuren, Pergamentstapel oder √§hnliches.
Was bekannt ist, ist dass sich ihr Lebensraum mit dem Eindringen der R√∂mer stark verkleinerte, bis sie sich schlie√ülich auf die britischen Inseln zur√ľckzogen, wo ihre Kultur schlie√ülich ganz verschwand. Zugegeben, da bleibt viel Raum f√ľr Spekulationen, Fantasie und nat√ľrlich auch esoterischen Glauben. Aber davon m√ľsse man sich distanzieren, betont Steinr√ľcken. Man m√ľsse versuchen, sicheren Boden in diesem Bereich zu gewinnen, sagt Steinr√ľcken, und nicht dem nachgehen, was moderne Esoteriker den Kelten unterstellen. Auch deswegen kommt er am Donnerstag, 22. Juni, 19.30 Uhr nach Trier. Genauer gesagt in den H√∂rsaal 2 im A/B-Geb√§ude der Universit√§t. Dort will er auf Anfrage von Roland Weber hin seinen Vortrag "Astronomie der Kelten - Fakt oder Fiktion?" halten. Es gebe nur eine Quelle, die ausf√ľhrlich √ľber das astronomische Wissen der Kelten Auskunft gebe, sagt Steinr√ľcken: den Kalender von Coligny.
153 Bruchst√ľcke aus Bronze, entdeckt im November 1897 zwei Kilometer von der franz√∂sischen Gemeinde Coligny entfernt, die Reste eines gallischen Kalenders, der eine Zeitspanne von f√ľnf Jahren umfasste. Urspr√ľnglich war der Kalender rund 150 Zentimeter breit und 90 Zentimeter hoch, gefunden wurden gerade mal 40 Prozent davon.
Es ist ein Zusammenpuzzeln mit vielen fehlenden Teilen, aber dennoch ergibt sich ein Bild.
Aufgrund der regelm√§√üigen Struktur k√∂nne man den Inhalt fast vollst√§ndig rekonstruieren, und der zeuge von einem breiten Wissen √ľber Astronomie und Mathematik, sagt Steinr√ľcken. Ein Fund, der eine Menge erahnen lasse √ľber naturwissenschaftliches Wissen und K√∂nnen der Kelten. Leider habe man zu wenig davon, um etwas dezidiert sagen zu k√∂nnen.
Vor allem brauche es eine Menge Funde, um arch√§oastronomisch arbeiten zu k√∂nnen: Bei bestimmten keltischen Heiligt√ľmern in Frankreich k√∂nne man statistisch feststellen, dass sie oft zum Sonnenaufgang hin ausgerichtet waren. Daraus k√∂nne man ein bestimmtes Datum ableiten, n√§mlich das Beltane-Fest (den keltischen Sommeranfang), das in die Nacht auf den 1. Mai f√§llt. Nach dieser Nacht ging die Sonne exakt in Richtung der Tempelachse auf.
√Ąhnlich geh√§uft hatte man in Gr√§bern eine Vorliebe f√ľr eine Bestattung mit dem Kopf des Verstorbenen in Richtung S√ľden feststellen k√∂nnen. Bei Einzelfunden k√∂nne auch oft der Zufall eine Rolle spielen. Oder die eigene Fantasie. Ein Arch√§ologe aus Mainz wollte in den Grabanordnungen auf einem der gr√∂√üten keltischen Grabh√ľgel auf dem Magdalenenberg bei Villingen-Schwenningen die Sternbilder wiedererkennen.
Dies m√ľsse man zur√ľckweisen, sagt Steinr√ľcken, interessant sei jedoch, dass man in der Ausrichtung der Gr√§ber eine Beziehung zu St√§nden des Mondes sehen k√∂nne. Zudem gebe es auch in Frankreich und Hessen einige Gr√§ber, die nach den Mondwenden ausgerichtet seien. Und im Land der Treverer?
Roland Weber hat ein bisschen geforscht: Auch der spätkeltische Tempel von Schwarzenbach beim Ringwall von Otzenhausen verfolgt eine Ausrichtung, die einen astronomischen Hintergrund haben könnte.
Dazu kommen die Gr√§berfelder in Bescheid (Kreis Trier-Saarburg) und Hochscheid (Kreis Bernkastel-Wittlich). Zwei von den H√ľgelgr√§bern in Bescheid seien durch einen 250 Meter langen Damm miteinander verbunden, der genau von Ost nach West ausgerichtet sei. Warum hat man die beiden Gr√§ber miteinander verbunden? Und warum in einer genauen Ost-West-Ausrichtung? Ein noch gr√∂√üeres Fragezeichen l√§sst Weber bei den Anlagen in Hochscheid stehen: Erkennt man in der Anordnung einiger Gr√§ber die Plejaden, einen Sternenhaufen im Sternbild des Stieres? Eine ernsthafte Entdeckung oder ein Spiel der Fantasie?
In Trier-Irsch fährt Weber seinen Laptop herunter, die Präsentation mit einigen Zeugnissen der Archäoastronomie aus dem Trierer Raum ist beendet. Ein historisch besonders reicher Raum, der nur so zu platzen scheint vor antiken Funden und archäologischen Baustellen. Warum noch eine weitere aufmachen?
Der Sternenhimmel sei f√ľr die Menschen seit Jahrtausenden eine Projektionsfl√§che gewesen f√ľr Sagen und Mythen, sagt Steinr√ľcken. Aber auch f√ľr Erkl√§rungen und handfeste Hilfen wie Zeitbestimmungen und Navigationen. Durch aufmerksame Beobachtungen des Himmels konnten sie Kalender entwickeln und religi√∂se St√§tten ausrichten. Der Blick in die Sterne sei quasi der Impulsgeber f√ľr die gesamte Erforschung der Natur gewesen, sagt Steinr√ľcken.
"Das wenige, was man √ľber die Astronomie der Kelten wei√ü, zeigt, dass sie alles andere als dumm waren und in einer Linie mit den Babyloniern und den R√∂mern standen", sagt Weber. Arch√§ologen w√ľrden Pollenanalysen machen, Gebeine untersuchen, Wetterdaten sammeln, aber in diese Richtung schaue kaum jemand.
Auf der Wiese in Trier-Irsch schauen Weber und seine Vereinskollegen in den sternenklaren Nachthimmel. Das Licht, was von diesen kommt, ist teils mehrere Millionen Jahre unterwegs, bis es zur Erde gelangt. Das sei etwas, was ihn besonders fasziniere, sagt Markus Weber. "Wenn man in die Sterne schaut, ist es als w√ľrde man in die Vergangenheit schauen."

Vortrag "Astronomie der Kelten - Fakt oder Fiktion" von Burkard Steinr√ľcken, Donnerstag, 22. Juni, 19.30 Uhr Universit√§t Trier, H√∂rsaal 2, A/B-Geb√§ude.